Hermann Werner — Kunstmaler
VK Biberach März 1986
Hoch in den Bergen über dem Genfersee lebt seit über 80 Jahren der Maler Hermann Werner. Da er am 6. Januar 1884 geboren wurde, ist er ohne Zweifel der älteste noch lebende Biberacher Maler.
Sein Vater stammt aus Sorau, aus der Niederlausitz, und kam nach dem 70er-Krieg nach Biberach. Aufgrund einer Verwundung, die er in diesem Krieg erlitten hatte, konnte der Vater seinen erlernten Beruf als Schmied nicht mehr ausüben und wurde Schreiber und «Hauptfaktotum» im Bezirksbauamt von Biberach. Er galt als sehr fleissiger Mann. Hermann Werners Mutter Anne man in Biberach «d^Französin», denn sie war Schweizerin und stammte vom Waadtland. Trotz der fünf Kinder war sie berufstätig und betrieb einen kleinen Stoffladen, nähte Kleider für die Bauersfrauen, die am Markttag nach Biberach kamen, wohl aber auch für manche Biberacherin.
Der kleine Hermann spürte schon früh, als Kind von etwa vier Jahren, einen Hang zum Zeichnen und bald zeigte sich, dass er künstlerisch begabt war.
Die Eltern sorgten für eine gute Schulbildung: Der Sohn des Hauptfaktotums des Bezirksbauamtes und der Stoffladenbesitzerin besuchte das Gymnasium.
Da sich Hermann Werners künstlerische Begabung immer klarer äusserte , wurde er auf die Kunstgewerbeschule nach Stuttgart geschickt. Dort machte er sogleich auf seine künstlerische Begabung aufmerksam, denn er gewann einen vom König von Württemberg ausgeschriebenen Wettbewerb.
Schon bald zog es ihn jedoch nach München. Dort studierte er bei Professor Ludwig Dasio, der sich vor allem einen Namen als Bauplastiker machte und Bildnisbüsten, Denkmäler und Plaketten schuf.
Da die Eltern wollten, dass Hermann Werner einen soliden Beruf ergreife, sollte er in Johann Baptist Pflugs Fussstapfen treten und in Biberach Zeichenlehrer werden. Dazu brauchte er ein württembergisches Examen und kehrte aus diesem Grund nach Stuttgart zurück. Doch der frühe Tod des Vaters setzte allen Studien ein Ende.
1905 entschloss sich Hermann Werner, in die Heimat seiner Mutter, in die Schweiz, zu gehen. Er war damals 21 Jahre alt. In Saubraz kaufte er das Landgut La Vignette und wurde Landwirt. Zusammen mit seinem Bruder Otto betrieb er die Wirtschaft. Das Bauernhaus wurde allmählich zur Künstlerklause.
Wer heute dieses Haus betritt, findet kaum einen Winkel, der nicht bemalt ist. Ein Fries mit spielenden Kindern, die Girlanden tragen, zeigt den Einfluss des Jugendstils, aber auch Werners Können als Aktmaler.
Seine Tendenz zum Dekorativen dokumentiert sich in Ornamentbändern, Schrifttafeln und kultivierter Bauernmalerei. Betritt man das ansehnliche Haus, so spürt man gleich, dass die Aufforderung an Kunstfreunde, die ständige Ausstellung im Haus zu besichtigen nicht übertrieben ist.
Der Besucher wirf mit einer Fülle von Bildern konfrontiert, die durch ihre Qualität bestechen und einen ganz eigenen Stil aufweisen. Die Bildnisse sind von grosser Eindringlichkeit, die Kinderbilder von lebendiger Einfühlsamkeit, aber auch religiöse Themen und grosse Allegorien gehören zum Bildbestand.