Das Senioren-Magazin Februar/März 1985 Nr.1
Leute wie wir
Hermann Werner, 101:
Kunstmaler, Bauer und Handwerker
Hermann Werner wurde in Biberach an der Riss als Sohn einer Waadtländerin und eines Deutschen geboren. Die Mutter erzog drei Mädchen und zwei Buben französisch, der Vater sprach deutsch mit der Kinderschar.
Viel Zeit blieb dem gelernten Schmied, der wegen Invalidität als Schreiber das Brot für die grosse Familie verdienen musste, allerdings nicht für die Kinder.
Hermanns ausgeprägtes Zeichentalent musste aber auch ihm auffallen, denn in einem Alter, da andere Kinder höchstens Männlein malten, zeichnete der Knabe naturgetreu Tiere und Menschen. Und wenn später in der Schule die anderen Kinder vor allem den Radiergummi brauchten, wenn sie Zeichnungen von Bismarck und Moltke Zustandebringen sollten, arbeitete Hermann mit sicherem Strich.
Vom Lehrer liess er sich nicht beeindrucken. Zu einer Zeit, als Gehorsam oberste Pflicht des Schülers war, keine unbedingt vorteilhafte Eigenschaft. Zusammenstösse gab es auch im Französisch-Unterricht, wo sich Hermann ebenfalls weit überlegen fühlte. Schulbuch und zweite Muttersprache harmonisierten nicht immer. Werner flog in hohem Bogen vom Gymnasium. Lehrer und Schüler atmeten erleichtert auf.
Was macht Kunst? Sie geht nach Brot!
Für Hermann war es eine ausgemachte Sache, dass er Kunstmaler werden würde. Er wurde Schüler der Kunstakademie in Stuttgart, später in München.
Er habe wenig gelernt sagt der Hundertjährige, am meisten noch von den anderen Schülern. Möglich dass Werners ausserordentliches Talent für Maltechnik ihn den Unterricht ungenügend erscheinen liess.
Aber Bilder malen und Bilder verkaufen und vom Erlös leben, das waren zweierlei paar Strümpfe.
Der Vorschlag des Bruders, in der Heimat der Mutter gemeinsam ein Bauerngut zu übernehmen, kam daher ganz willkommen. Zwar hatten sie keine Ahnung von Landwirtschaft, aber geschickte Hände und Unternehmenslust.
Damals – 1909 – brauchte man noch keinen Pass, und Werner konnte den Entschluss ohne viel Formalitäten in die Tat umsetzen.
Malen wird Freizeitbeschäftigung
Viel Zeit blieb nicht für die Malerei. Der richtige Umgang mit Kühen, der Sense und Baumschere war jetzt wichtiger. An Regentagen und während der Wintermonate beschäftigten sich die Brüder mit Ausbesserungsarbeiten im Haus. Bargeld war natürlich rar, die Erträge klein, aber immerhin, sie waren Selbstversorger. Während Hermann an der Arbeit Gefallen fand und es ihm im Waadtland ausnehmend gut gefiel, konnte sich der Bruder trotz anfänglichen Begeisterung auf die Dauer nicht so recht mit dem Landleben befreunden;
nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er nach Deutschland zurück.
Dafür aber zog in Saubraz 1919 eine Frau ein, die Werner schon in München kennengelernt hatte. Tapfer übernahm die junge Frau den Haushalt im abgelegenen Bauernhof. Sie kam aus der Grossstadt, und jetzt musste sie eine Viertelstunde gehen bis ins kleine Dorf.
50 Kirschbäume, Kühe und Schweine, ein grosser Gemüsegarten, das gab mehr als genug zu tun.
Und die Malerei? Manchmal stand Werner um vier Uhr auf und malte eine Stunde, gelegentlich erholte er sich am Abend mit Pinsel und Palette. Ganz ohne Malerei konnte und wollte er nicht leben.
Volontäre aus der Deutschschweiz
Könnte man nicht – so überlegten sich die zweisprachigen Werners – Volontäre aus der deutschsprachigen Schweiz aufnehmen für das übliche Welschlandjahr?
Ein junges Mädchen sollte Frau Werner zur Hand gehen, ein Bursche sich in Feld und Stall nützlich machen.
Das Mädchen musste kinderliebend sein, denn die Familie hatte sich um zwei Mädchen und einen Buben vergrössert.
Nicht alle jungen Leute, die ihr Welschlandjahr bei Werners verbringen sollten, warem dem strengen Regime gewachsen. Hermann Werner forderte von den Jungen, was er hatte leisten müssen.
Einer der einstigen «Jahresaufenthalter» der Werners noch heute freundschaftlich zugetan ist, erinnert sich lebhaft daran, wie er sich sofort habe ans Melken machen müssen. Es standen damals vier bis fünf Kühe im Stall, zwei bis drei Rinder und meistens zwei Kälber.
Zu den ungefähr 24 Jucharten Land gehörte auch Wald, so dass Holzen, zusammen mit dem Knecht, ebenfalls zu den Obliegenheiten des Burschen gehörte.
Und vor «Bijou» dem Pferd mit kaum juwelengleichen Charakter, scheuten die jungen Leute gewöhnlich zurück.
Auch die Lebensweise der Familie Werner veranlasste einige Deutschschweizer zum vorzeitigen Abbruch des Welschlandjahres.
Wer da hoffte, am Abend sein Schöpplein Wein trinken zu können, musste einsehen, dass das bei der abstinenten Familie nicht möglich war.
Und wer sich gerne eine Zigarette oder ein Pfeifchen angezündet hätte, wurde von den Nichtrauchern über die Schädlichkeit des Nikotins aufgeklärt.
Wer hoffte, ein saftiges Stück Fleisch auf den Teller zu bekommen, musste sich mit vegetarischer Ernährung begnügen; die Schweine wurden für den Verkauf gezüchtet und nicht für den Eigenverbrauch.
Da Werners auch deutsch sprechen konnten, war die Versuchung gross, sich nicht allzu intensiv mit der zweiten Landessprache zu befassen.
Wer aber wollte, der konnte viel lernen, war ein Familienmitglied und erlebte ein intensives und interessantes Jahr.
Kunstaustellungen in Lausanne, Bern und Zürich
Das Haus war im Verlauf der Jahre ausgebaut worden. Ausser für fachgerechtes Einsetzen von Türen und Fenstern waren keine Handwerker zugezogen worden.
Auch das Dach hatte der Kunstmaler eigenhändig gedeckt. Ein schmuckloses Haus war eines Künstlers unwürdig.
Wohl sind die Malereien, die an frühen Hodler erinnern, im Verlauf der Jahre leicht verblasst, aber Werners malerische Fähigkeiten sind noch immer klar zu erkennen.
Nebenbei malte er viele Blumen- und Landschaftsbilder, die Motive dazu fand er vor der Haustüre. Er malte auch seine Kinder, seine Frau, und manches Selbstbildnis entstand im Laufe der Zeit.
Nur etwas entstand niemals: abstrakte Bilder. Eigenwillig und beharrlich malte er Zeit seines Lebens immer nur, was er sah und kannte. Kompromisse und Anpassung an Modeströmungen lehnte er ab, im Leben wie in der Malerei.
Zwei Ausstellungen in Lausanne und je eine in Galerien von Bern und Zürich brachten nicht den gewünschten Erfolg. Kunstkenner interessierten sich vorwiegend für die Moderne, an Werners Bildern gingen Kritiker und Besucher vorbei.
Freude machte Werner der Abdruck eines Bildes in der Zeitschrift «Leben und Glauben» und auch der Verkauf von Blumenkarten brachte eine gewisse Befriedigung. Ob mit, ob ohne Anerkennung, auf seine Malerei hat er nie verzichtet.
Die Landschaftsbilder, die er in späteren Jahren, als das Land bereits verpachtet war, aus der Provence und aus Italien heimbrachte, sind ihm wertvolle Erinnerungen.
Mit fast neunzig Jahren eignete er sich noch die nötigsten Spanischkenntnisse an, um sich auf einer Maler-Reise mit einem Freund in der Landessprache ausdrücken zu können.
Freude an der Familie
Die Werners lebten weitgehend für sich, Kontakte waren schon wegen des abgelegenen Heimwesens schwierig gewesen. Wohl hatten sie schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Schweizer Bürgerrecht erworben, aber ein gewisses Misstrauen gegenüber den «Fremden» legte sich erst, als der Sohn Offizier geworden war.
Die eine Tochter ist seit vielen Jahren in England verheiratet, ihre Kinder sind bereits erwachsen und in Saubraz freut man sich am Urenkel.
Die zweite Tochter blieb unverheiratet. Sie fühlte sich immer wohl daheim.
Die letzten Lebensjahre der Mutter – sie starb im hohen Alter von 95 Jahren – waren von zunehmender Altersschwäche gezeichnet gewesen, und ohne die aufopfernde Pflege der Tochter hätte die Mutter gewiss nicht bis zum Tod daheim bleiben können.
Ausser einer Katze sind alle Tiere verkauft worden, aber der grosse Gemüse- und Blumengarten gibt genug zu tun.
Im Sommer kommen die Leute aus der Umgebung gerne nach «Vignetaz» und kaufen bei Eléonore Werner die selbst gezüchteten Gemüse- und Blumensetzlinge. Unter ihren Händen scheint alles zu wachsen und zu blühen; nicht mühelos – aber Eléonore Werner liebt harte mühevolle Arbeit; je mehr Kraft sie einsetzen muss, desto lieber ist es ihr.
Natur, wie sie ihr Vater auf der Leinwand festhält, ist auch ihr Lebensbedürfnis.
Der Natur hat sich auch der Sohn zugewandt. Er ist Förster geworden.
Ungewisse Zukunft
Die jahrelange schwere Arbeit ist nicht spurlos an Eléonore Werner vorbeigegangen. Eine Herzoperation steht hervor.
Hermann Werner erlitt vor knapp zwei Jahren einen Schenkelhalsbruch und geht – meistens – am Stock. Das alte Haus gibt viel zu tun, obwohl das Untergeschoss vermietet ist.
Der Vater möchte unter keinen Umständen wegziehen, nicht einmal zu seinem Sohn. Fremde Hilfe möchte er ebenfalls nicht um sich haben.
Malen kann er nur noch sehr wenig und nicht mehr so genau, wir er möchte, sein Augenlicht nimmt ab. Und da er – seit frühester Jugend – nur auf einem Auge sieht – sollte er es mehr schonen.
Aber die Werners sind zuversichtlich. Wer ein Jahrhundert lang standhaft geblieben ist, gibt nicht so leicht auf, und im Frühling gibt es viel zu tun in Haus und Garten, bis dahin möchte die Tochter wieder gesund sein, bei ihren Blumen und den Bildern des Vaters.
Elisabeth Schütt